Montag, 14. Juli 2014

Der Morgen danach

Es ist Montagmorgen! Aber nicht irgendein morgen, nein, es ist der 14. Juli 2014. Der Montag nachdem Abend, an dem die Deutsche Fußball Nationalmannschaft zum vierten Mal Weltmeister geworden ist, im Finale gegen Argentinien, gegen Lionel Messi, in Brasilien, in Rio, im legendären Maracana. Der langersehnte Titel, vierundzwanzig Jahre nach dem letzten WM-Triumph in Rom über – genau – Argentinien. Wieder war es ein Tor, das am Ende die Entscheidung brachte. Ein Tor, das Fußballdeutschland nun bis in alle Ewigkeit im Gedächtnis bleiben wird, zu dumm nur, dass ausgerechnet der schlechteste Kommentator, den das öffentlich-rechtlich Fernsehen zu bieten hat, diesen Moment komplett vergeigt hat und auch dieser Dilettantismus nun bei jeder Gelegenheit wiederholt wird. Das hat dieses herausragende Tor ehrlich nicht verdient.
Das Drama über 120 Minuten liegt nun gute zehn Stunden zurück. Ich habe (immerhin) knapp vier Stunden davon Schlaf bekommen und es nahezu pünktlich an meinen Arbeitsplatz geschafft. Auf dem Weg dorthin war es für Berliner Verhältnisse erstaunlich ruhig. Alle Autos tuckerten leicht beseelt vor sich hin, Fußgänger warteten geduldig an roten Ampeln und gelegentlich hielt sich sogar ein Radfahrer an die Straßenverkehrsordnung. Das sah sechs/sieben Stunden vorher erheblich anders aus. Wild beflaggte Autos bahnten sich, recht undeutsch, hupend, trötend, grölend, mit aus allen Fenstern hängenden Gestalten in billigen Trikotimitaten, ihren Weg kreuz und quer durch die Straßen der Hauptstadt. Das was gern als Autokorso bezeichnet wird, hatte eher Ähnlichkeit mit der Rushhour in Kathmandu, mit dem Unterschied, dass keine Kühe mitten auf der Straße stehen, die rücksichtsvoll umfahren werden. In dieses Gewirr aus Blech mischen sich Umherziehende mit fragwürdigen Kopfbedeckungen und verschmierter Kriegsbemalung, ebenso schmerzbefreit, wie besoffen. Durchschnitten wird das Lärmgemänge aus Hupen, Gegröle, Gesangsversuchen, Feuerwerk – das teilweise eher an einen Bombenangriff erinnert – und gelegentlich zerberstenden Flaschen, nur durch hektisches Blaulicht und Tatütata. Der ruhigste Ort um diese Zeit ist eine Bushaltestelle, an der ich irgendwann strande. Laut Fahrplan sollte dort gelegentlich noch ein Bus vorbei kommen. Nach etwa einer Halbzeit warten, einem Bus der ohne mit der Wimper zu zucken an der Haltestelle vorbeifährt, erlischt plötzlich die Beleuchtung, die untrügliche charmant-berlinerische Art zu sagen: hier ist Feierabend, dein Problem, wie du nach Hause kommst. Also auf zur nächsten U-Bahn-Station, eine gute viertel Stunde immer geradeaus, nur um dort festzustellen, hier brennt zwar noch Licht, aber Züge fahren hier bis Sonnenaufgang auch keine mehr. Die Freude und gute Laune sind, unerklärlicher Weise, plötzlich wie vom Winde verweht, oder besser gesagt, vom wiedereinsetzenden Regen davon gespült. Nach kurzem, verwirrtem Umherstreunen, entschließe ich mich in den Wettkampf um ein Taxi einzusteigen. Dieser, unter diesen Umständen recht beliebte Volkssport, verlangt erneut eine gehörige Portion Geduld, Cleverness, Glück und Schnelligkeit. Der Gedanke daran, dass das letzte Bier inzwischen auch schon neunzig Minuten plus Nachspielzeit zurückliegt, ist zwar meinem körperlichen Zustand am jetzigen Montagmorgen dienlich, zur aktuellen Stunde aber wenig erbaulich. Nach zahlreichen Winkversuchen hält dann endlich ein hellgelbes Automobil – mit nur einem Stern – neben mir. Ich springe hinein, während die letzte Passagierin noch bezahlt und wecke mit meinem Fahrtzielwunsch nur mittlere Begeisterung bei der Taxifahrerin. Sie ist erstaunlich kommunikativ und entspricht so gar nicht dem Berliner Taxifahrer-Klischee, das macht die Fahrt zwar relativ entspannt, aber irgendwie hätte in dieser Situation eine Berliner Schnauze, die das schwarz-rot-goldene Treiben auf den Straßen entsprechend herzhaft kommentiert, auch seinen Charme gehabt. Ich schildere ihr kurz mein Schicksal und den Groll auf die Betreiber der öffentlichen Verkehrsmittel. Wir finden diesbezüglich recht schnell einen Konsens und lassen den Kotti hinter uns. Nach einigen Minuten Fahrt Richtung Ku’damm überholen wir den Bus, der mich einige Zeit zuvor ignoriert hat. „Ich möchte jetzt nicht mehr umsteigen!“ Wir kämpfen uns im Slalomverfahren durch die berühmte Rote-Welle und je weiter wir uns dem Feier- und Autokorso-Hotspot nähern, umso häufiger springen Nachhause-wollende und Straßen-querende ans Auto heran oder vor die Motorhaube. An einer Ampel taucht eine Fanin an der Fahrertür auf und fragt zu unser aller Überraschung nach einem Starthilfekabel. Vermutlich kann sie zu dieser fortgeschrittenen Stunde das Gelb einer Taxe nicht mehr von dem eines ADAC-Wagens unterscheiden. Eine Ampel später klopfen zwei mittelschwer angetrunkene Gören an die Scheibe und fragen freundlichst: „NEUKÖLLN!?!“ Da sie auf der Beifahrerseite stehen, antworte ich direkt: „Sorry, Besetzt und … falsche Richtung.“ Ihr Blick verrät mir, dass waren schon zu viele Informationen für die Beiden. Nach der nächsten Ampel stehen wir, nicht gänzlich  unerwartet, direkt vor einer Polizeistraßensperre und ebenso plötzlich stehen wir in Mitten einer Menschentraube, die – im spontanen Übermut der Euphorie – Dach und Motorhaube für ein zwar lautes, aber erbärmlich unrhythmisches Trommelsolo missbrauchen. Einen vollständigen Ampellichterzyklus später kommen wir über die Kreuzung hinweg, umfahren die Fan-Meute bis zu nächsten zugeparkten Kreuzung. Als die Ampel dann grün zeigt, stimmen wir zaghaft in das Hupkonzert mit ein und eine Handvoll hilfsbereiter Halbstarker schiebt kurzer Hand die herumstehenden Autos so zurecht, dass zumindest eine kleine Gasse für Hindurch-fahren-wollende entsteht. Kurz vor dem Ziel schlage ich meiner Taxifahrerin vor, mich doch direkt an der Bushaltestelle abzusetzen, damit sogleich der Nächste meinen Platz übernehmen kann. Das Taxameter hätte dann auch weiterlaufen können … der letzte zahlt! Hätte beinah auch geklappt, beim Rechts ranfahren kommen schon die nächsten Kandidaten auf das Taxi zugestürmt. Diese wirken jedoch schon auf den ersten Blick derart besoffen, dass sie entscheidet, doch lieber weiter zu fahren, bis sie auf angenehmere Kundschaft trifft. „Auswahl gibt es heute ja genug und die Nacht wird wohl noch lang“, meinte sie, während ich zahle. „Es ist ja erst so halb um Eins?“ fragt sie, als ich die Tür öffne. Ich steige aus, drehe mich um und verabschiede mich: „Nee, das reicht nicht mehr, ist kurz nach Drei! Noch eine unfallfreie Nacht. Tschö.“
Zu Hause angekommen, werfe ich noch einen schnellen Blick in die sozialen Netzwerke und verschiedenen Newsseiten um die ersten überschwänglichen Reaktionen aufzusaugen, die von emotionalen Feierbildern (Selfies) der Spieler, über geistreiche Kommentare à la „WELTMEISTER!“, zum Glück auch lustigen Sprüchen und Gratulationen aus aller Welt, aber auch bis hin zu schlechtesten Wortspielen wie „GöTZ sei Dank“ reichen. Überall sind Spielerfrauen und die Bundesangie mit Deutschlandkette – da konnte ja nix schief gehen – zu sehen. Ich gehe ins Bett. In vier Stunden klingelt der Wecker.
Es ist Montagmorgen! Aber nicht irgendein morgen, nein, es ist der Montag nachdem Abend, an dem die Deutsche Fußball Nationalmannschaft zum vierten Mal Weltmeister geworden ist. Als ich im Büro ankomme, ist es auf dem Gang auffällig still. Eine Mischung aus leider kurzfristig erkrankt und spontanem Überstundenausgleich liegt in der Luft. Vor dem Kaffeeautomaten sehe ich den ersten Kollegen, er steht dort fast apathisch und fragt mit gequältem Lächeln: „Na, fit? Sensationelles Spiel!“, ich nicke ihm zu, gehe zu meinem Arbeitsplatz, schalte den Rechner an und begebe mich umgehend zurück Richtung Koffeintankstelle. Es ist Punkt neun Uhr und vor dem Kaffeeautomat hat sich eine Schlange gebildet, gesprochen wird noch nicht. Alle verarbeiten noch die vergangene Nacht. Der Kaffeeautomat wird heute wohl am härtesten arbeiten müssen. Kurz vor der Mittagspause steht dann ein Servicetechniker vor dem geöffneten Automaten. Die Zuversicht steigt, dass alle den Tag halbwegs überstehen werden und uns der Alltag alsbald wieder einholt.

Dienstag, 22. April 2014

Wenn der Postbote …

Ab und zu kommt es doch noch vor, dass man etwas nicht online, telefonisch oder per E-Mail erledigen kann und einem nix anderes übrig bleibt als einen Brief oder ein Paket zu schicken. Selbiges ist mir neulich widerfahren und da für E-Mails keine Briefmarken benötigt werden, wobei die Halsabschneider bei der Post ständig das Porto erhöhen und man – genau wie bei Schrauben – sowieso nie die passenden im Haus hat, blieb mir nichts anderes übrig als die nächstgelegene Postfiliale, beziehungsweise den nächsten Servicepoint aufzusuchen um einen Standardbrief abzuschicken. Es war Samstagvormittag – als vorm Mittag – und völlig überraschender Weise war ich ganz offensichtlich nicht der Einzige mit einem derartigen Problem. Aber ich hatte ja Zeit. Das galt unübersehbar auch für die Dame hinter dem Schalter, die wohl auch schon im Wochenendmodus lief. Direkt vor mir stand eine Mutter mit einem leicht hyperaktiven Kleinkind, dass – in Ermangelung von Süßigkeiten – abwechselnd neonfarbenen Bastelbedarf, bunte Stifte und lustige Postkarten anschleppte, um sich von Mutti, die nervös im Wechsel auf Handy und Uhr starrte, eine grimmige Abfuhr nach der anderen abzuholen. Davor ein Opi mit Rollator, der, als er endlich an der Reihe war, lediglich nach einem kleinen DHL Paketset in gelb verlangte und  prompt für 2 Euro 49 einen Karton in der Größe L über den Tresen gereicht bekam, ihn in seinen Rollator stopfte und wackelig, ohne nachzufragen, von dannen zog. Nun also die schon leicht gereizte, krampfhaft um etwas Restfreundlichkeit bemühte Mutter auf 179einhalb: „Die hier verschicken“ brummt sie mit gequältem Lächeln, als sie zwei – ich als Laie würde sagen Briefe – auf den Tresen schiebt. Doch so einfach ist das Ganze natürlich nicht. „Als Brief oder als Päckchen?“ fragt die blaugelbe Uniform. Mutter: „Was ist der Unterschied?“ (berechtigte Frage!). Postfrau: „Preis und Päckchen dauert länger!“ (logisch: längere Transportzeit = höhere Kosten). Mutter: „Dann Brief!“. Postfrau: „Einschreiben oder Normal?, wegen Nachverfolgung“, „Persönliche Übergabe oder Briefkasteneinwurf?“. Ich komme mir fast vor wie wenn ich bei Starbucks einen einfachen Kaffee bestellen will. Noch ein Wort mehr und die Mutter vor mir explodiert und zerrt die Uniform über den Tresen. Ein grelles „TILT!“ blinkt bereits über ihrem Kopf. Sie kramt in ihrem Portemonnaie nach 2,90 Euro und dreht, ihr Kind hinter sich her schleifend, die Frage nach dem Bon ignorierend, ab. Ich gebe der Dame am Schalter noch ein paar Sekunden zum Durchatmen, bevor ich mit meinem Briefumschlag und den Worten „Hallo. Als einfachen Standardbrief, bitte“, das eben gelernte direkt umsetze und umgehend die aufgerufenen sechzig Cent zusammensuche und passend bezahlen will. Sie lächelt und meint: „Hier! Briefmarke ist drauf. Schmeißen Sie ihn draußen in den Briefkasten. Der wird heute nochmal geleert. Hier geht heute nichts mehr raus.“ Die Verwunderung steht mir ins Gesicht geschrieben, aber ich tue wie mir gesagt wurde, verzichte ebenfalls auf den Zahlungsbeleg und verlasse mit einem knappen „Danke. Tschüss.“ den DHL Servicepoint Richtung Briefkasten und dann zurück nach Hause.
Wenn das verschicken von Postsendungen schon so aufregend sein kann, wundert es natürlich auch nicht, dass das Erhalten von Briefen und vor allem Paketen nicht weniger spannend sein kann. Ich möchte vornweg klarstellen, dass ich eigentlich ein recht gutes Verhältnis zu meinem Postboten habe, er nur ganz selten für Aufreger sorgt und ich ihm – wenn ich nicht gerade noch im Schlafanzug im Bett lieg oder so – entgegengehe, damit er nicht jedes Zwanzig-Kilo-Plus-Paket über den zweiten Hinterhof bis in die fünfte Etage schleppen muss. Ich bin ja gar nicht so. Aber manchmal, da hat er schon echt schräge Ideen, wie Pakete oder Päckchen den Weg zu mir finden könnten. Warum zum Beispiel gibt er ein Paket ausgerechnet bei dem Hobbyfrisör im Nachbarhaus ab, der nur zwei Mal in der Woche zwischen zwölf und vierzehn Uhr geöffnet hat? Und kreuzt dann auf der Infokarte „Abgegeben bei ihrem Wunschnachbarn“ an. Ähnlich schön, wenn das Paket bei Nachbarn abgegeben wird, die dann erstmal für drei Wochen in den Urlaub fahren und das dringend erwarte Geschenk dann gut verwahrt in einer fremden Wohnung liegt. Da kann der Postbote natürlich nicht direkt was dafür, ist aber trotzdem scheiße. Originell auch die folgende Lösung… Samstag früh um halb neun aus dem Bett geklingelt, zur Gegensprechanlage gestürzt, „Paket für Sie“, die Tür geöffnet und gewartet … und gewartet … und … nach gefühlten zehn Minuten im Pyjama an der Wohnungstür, reifte in mir die Überlegung, dass das Paket wohl doch nicht für mich gewesen sein wird, ich schließe die Tür und schlafe meinen Freitagnacht-Kater aus. Diese Überzeugung verfestigt sich als auch im Briefkasten keine Infokarte zu finden ist. Umso überraschter bin ich, als ich am Montagabend ebenda einen kleinen Briefumschlag mit einer solchen Karte entdecke. Ausrede: „Wir haben Sie leider am Samstag (Datum, Uhrzeit) nicht angetroffen, Paket wurde bei Nachbarn XY abgegeben“. Ein Glück das ich wenigstens die Tür geöffnet habe, sonst hätte der arme – ohne ihm Boshaftigkeit unterstellen zu wollen – etwas unmotivierte Postbote die Pakete ja allesamt wieder mitnehmen müssen.
Den Vogel hat allerdings der Paketauslieferer abgeschossen, der mir die schwerverdiente – ich bin bis heute leicht traumatisiert – Ration Cookies zustellen sollte. Das Paket wurde, die Absenderin hatte es verraten, an einem Donnerstag auf der Post abgegeben, mit etwas Wohlwollen hätte also am Samstag (schon wieder) der Postmann klingeln können. Es kommt jetzt wohl wenig überraschend, wenn ich sage, dass es so nicht kam. Dann vielleicht am Montag – Fehlanzeige, aber am Dienstag dann definitiv … doch nicht. Sender und Empfänger wurden leicht unruhig. Zurückgekommen war das Paket ja auch nicht. Mittwoch, wieder nix. Echt, eine Woche für ein Paket? Das ist nicht euer Ernst! Mittwochabend kurz nach 18 Uhr klingelt es plötzlich bei mir. Post kommt jetzt ja wohl keine mehr. Meldet sich ein leicht zerstreuter Herr an der Gegensprechanlage, er hätte eine Karte für mich. Ich mache ihm auf und gehe davon aus er wirft die jetzt in den Briefkasten und haut wieder ab. Plötzlich geht das Licht im Treppenhaus an und als nach einiger Zeit nur noch schwere Tritte und noch schwereres Schnaufen zu hören sind, gehe ich ihm entgegen und treffe zwischen Etage zwei und drei auf einen völlig erschöpften, wild mit einer gelben Karte wedelnden, älteren Herren. Wie sich herausstellen sollte, war es ein großes Glück, dass er nicht bereits zusammengebrochen war, denn dann wäre das langersehnte Paket vermutlich endgültig verloren gewesen. Er sagt mir auf jeden Fall, dass bei Ihm, er trägt den selben Nachnamen, ein Paket, wohl für mich, abgegeben wurde. Ich schaue ihn mit fragendem Blick an, warum er dann, was zwar sehr freundlich ist, mir nur die Karte bringt und nicht direkt das Paket. Und frage, ob ich ihn dann jetzt direkt begleiten könne um die Sendung bei ihm abzuholen. Jetzt schaut er mich an und sagt, er hat das Paket nicht, deutet dabei auf die Karte, murmelt etwas von er wohne zwei Straßen weiter, dreht sich um und geht mit einem „schönen guten Abend“ dahin. Ich bleibe etwas ratlos auf der Treppe zurück, bedanke mich dennoch und wünsche ihm ebenfalls einen schönen Abend. Ich starre auf die Karte und lese einen Firmenname und meine Adresse. Den Namen hab ich nie gehört, gehe nach unten ans Klingelschild und schaue ob sich dort etwas finden lässt. Nichts. Ich frage beim Imbiss nebenan, ob denen der Name auf der Karte eventuelle etwas sagt. Auch nichts. Nochmal genau an Klingelschild und Briefkästen geschaut. Der Name taucht da nicht auf. Also ab nach oben, an den Laptop, mal googlen, erfolglos, scheint keine große Firma zu sein. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als die Gegend nach dieser ominösen Firma, die das Paket angenommen hatte, abzusuchen. Muss ja wohl in irgendeiner Straße meines Viertels sein. Ich streife also im halbdunkel durch die Straßen von Haustür zu Haustür und stoße tatsächlich irgendwann auf eine Zahnarztpraxis – der auf der Karte vermerkte Name steht ganz klein auf dem Messingschild – und nachdem ich auch den Namen des Kartenüberbringers am Klingelschild entdecke, wird mir plötzlich alles klar. Postleitzahl, Name, Hausnummer … alles stimmte überein. Nur bei der Straße hat es der Postbote nicht so genau genommen. Natürlich stand ich um diese Uhrzeit auch vor verschlossenen Türen und so hatte ich keine andere Wahl, als Tags darauf zum Zahnarzt zu gehen und mein Paket abzuholen, wenn die gewusst hätten, was in dem Paket drin war. Der Paketzusteller hat sich auf jeden Fall den Preis für außerordentliche Kreativität bei der Ausführung seines Jobs verdient. Wieso das Paket für seine etwa 650 Kilometer lange Reise allerdings eine Woche benötigt hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Montag, 17. Februar 2014

Bis zum kotzenden Model

Ich möchte das nicht! Das entspricht einfach nicht dem ursprünglich erdachten Anspruch. Die Beiträge in diesem Blog sollten schließlich auch von inhaltlichem Nutzen für den Leser … ‘tschuldigung … für die Leserinnen und Leser sein, wenigstens ein bisschen (das sieht so geschrieben aber irgendwie falsch aus). Zumindest überwiegend, dies war der Plan. Und deswegen habe ich mich entschieden, hier NICHT über die zuletzt ausgestrahlte Folge von Germanys Next Topmodel by Heidi Klum – der Einfachheit halber ab hier nur noch GNTMBHK genannt – schreiben, obwohl ich mir unter großen seelischen und körperlichen Schmerzen, später nur unter dem Einfluss rauer Mengen von Alkohol ertragend, die gesamten 135 Minuten (in Worten: einhundertfünfunddreißig) der zweiten Episode der, ich wollte es gar nicht wahr haben, bereits neunten Staffel von GNTMBHK angesehen habe. Zweieinviertel Stunden vergeudete Lebenszeit, geprägt von absolutem intellektuellem Vakuum – okay, das war abzusehen – die unwiederbringlich verloren und des Berichtens nicht Wert sind, beginnen mit Drama Baby, Drama!, denn die Modelmama ist dem Tode ganz nah, liegt in Singapur im Krankenhaus, ungeschminkt und kann das erste Mal in ihrem Leben nicht zur Arbeit gehen (BILD berichtete). Daher muss ihr Jurorenkollege Thomas Hayo, der alte Schwerenöter, jetzt ganz allein mit den letzten verbliebenen circa zwanzig zukünftigen Topmodels in der asiatischen Metropole zu erst eine Catwalk-Show bewältigen – hach ein Stolperer, nochmal in Slow-Mo und in Super-Slow-Mo, Katastrophe! – und am nächsten Tag shooten gehen. Als Location für das erste Shooting mit den Girls denglischt man sich ganz straight in den Cloud Forest, um dort under real Pressure mit einem österreichischen Photographen und einer Hand voll scary, shocking Schlangen die Möchtegernmodels abzulichten. Doch bevor die Luzie richtig abgeht, kommt der erste Werbeblock und der wird eröffnet, wie passend, von einem Spot für Fertigpizza – gut, dass ich meine schon verdrückt habe. Es folgen zahlreiche Commercials für Beauty-, Schmink- und Pflegeprodukte, vereinzelt einer für Reiseanbieter. Exakt in der Mitte der Werbepause, wird harter Alkohol empfohlen. Ich nehme das als versteckten Hinweis und genehmige mir vorsichtshalber vor dem angekündigten Shoot einen Shot. Die Fotosession gibt dann leider, trotz der argen Zeitnot von nur zehn Minuten pro Mädchen – die Stoppuhr läuft mit – nicht wirklich viel her und so muss die wertvolle Sendezeit halt mit dem üblichen Iiieehh, eine Schlange, einem Heulkrampf, einer Panikattacke und sich wiederholendem Hihi, wir machen dich jetzt nass, gefüllt werden. Hayo wechselt dabei unkontrolliert zwischen seinen Rollen als verständnisvoller, tränentrocknender Vater, überstrenger Kritiker und speichelsabbernder Macho hin und her. Die erste Stunde ist rum, wieder Werbung, exakt dasselbe Schema wie in Unterbrechung Nummer eins. Ich bekomm plötzlich Appetit auf ‘nen Keks. Mist, keine da. Es geht weiter, Heidi ist immer noch sterbenskrank und richtet per Videobotschaft ihre vermutlich letzten Worte, die frohe Kunde, dass alle mit nach EL EY dürfen, an die immernoch aufgewühlte Modelmasse. Werbung. In Los Angeles angekommen geht’s in die Modelvilla, die nur zwanzig Minuten – vermutlich mit dem ADAC-Hubschrauber – vom zu Hause des ehemaligen Topmodels entfernt liegt. Hier wird zu erst die gesamte GNTMBHK-Jury wiedervereint, die neben den zwei bereits genannten, durch Wolfgang Joop! ergänzt wird. Dieser fast siebzigjährige Greis, mit einem ähnlichen Sprachfehler wie Karl Lagerfeld (kann aber auch an schlechter Haftcreme liegen), der gern auch mal leicht verwirrt in einer Berliner Spelunke plötzlich neben einem am Pissoir auftaucht, ist zwar definitiv nicht mehr HD-TV-geeignet, aber dank seiner etwas schrulligen Art widererwarten gar nicht so unsympathisch und findet beim die Folge abschließenden Entscheidungswalk grundsätzlich alle Mädchen sehr hübsch. Das ist auch nicht schwer, denn die sehen alle gleich aus, zumindest bis auf die Haarfarbe und die im Imperfect-Look, was die freundliche Bezeichnung für die nicht dem Schaufensterpuppenvorbildentsprechenden Kandidatinnen – heißt die mit Zahnspange, X-Beinen, zu großer Nase und Pickeln – ist. Bedauerlicher Weise sind die alle so austauschbar, dass die nicht einmal genug Potential fürs Dschungelcamp oder Promi-Dinner mitbringen, was umso ärgerlicher ist, wenn man bedenkt, was die Gewinnerinnen und Platzierte der acht vorangegangenen Staffeln heute so treiben. (Na von wievielen Topmodelgewinnerinnen fallen euch die Namen noch ein?) Ob Spielerfrau, Laienheimatfilmdarstellerin, Auszubildende, RTL-Experten für alles, Taff-Moderatorinnen, Dschungelcamp-Bewohnerinnen oder On-Off-Beziehungen von alten, reichen Säcken, die Möglichkeiten sind vielfältig. Zurück zur eigentlichen GNTMBHK-Show, über die ich hier, nur zur Erinnerung, nicht berichten werde. Zum großen Finale fährt die Produktionsfirma nämlich noch einmal alle Geschütze der 0815-Primetime-TV-Unterhaltung auf. Beim alles entscheidenden Laufstegwalk zoffen sich bei der Entscheidung die Jurymitglieder bei genau zwei Kandidatinnen, zwei weitere Models in spe werden – wie lustig – by Heidi Klum nachgeäfft, weitere Zwei werden – Hihi, Haha, Hehe – in den Pool geschmissen, zwei Mal bekommt einer der Juroren gleich einen Sonnenstich, Joop! wechselt vier Mal das Outfit, zwischendurch kommt zwei Mal Werbung usw., usw., usw. Als dann endlich auch eine rausgeflogen ist, dürfen die verbliebenen Girls die Villa erkunden und mit ungenierter Penetranz werden die Kosmetikgeschenksets, fein säuberlich nach Marke getrennt, und die Ladyshaver, den probier ich gleich mal aus, übertrieben lange in Nahaufnahme gezeigt, bevor die Mädchen die Zimmer beziehen. Ist es eigentlich Zufall, oder nur strikte Rassentrennung, dass sich ausgerechnet die zwei schwarzen – Wie sagt man das nun eigentlich politisch korrekt? – Kandidatinnen ein Bett teilen müssen? Nun ja, auch sonst wird ja mit Klischees nicht gespart, besonders Beliebt das Thema Models und Ernährung: Boah, da ist ja Pute im Kühlschrank! Nach dem Shooting geht’s zum Lunch, da gibt’s was zu essen! Ich war beim Arzt, ich hab keine Bulimie, ich hab nur ne Essstörung! Da ist es doch nur allzu passend, dass als Cliffhanger zur nächsten Folge ein kotzendes Model auserkoren wurde, obwohl in Folge drei das große Umstyling ansteht – dazu gibt es auf der GNTMBHK-Homepage sogar ein Voting, wer das krasseste bekommen soll – und das verspricht doch allein schon ein tränenreiches Staffel-Highlight zu werden. Ich werd’s bestimmt nicht schauen und erst recht nicht darüber schreiben.
Worüber ich aber stattdessen berichten möchte: ein Wunder ist geschehen, steh ich doch letztens in meiner Küche, am Herd, beim Brutzeln, als es direkt vor mir plötzlich einen Knall gibt und das Licht meiner 3er Grundtal-Lampe erlischt und ich fluchend im Dunkeln im Topf weiterrühre. Das blöde Ding ist doch erst zwei Jahre alt, das darf doch noch nicht kaputt gehen, das sind doch Halogenlampen, scheiß IKEA. Jetzt muss ich da in den nächsten Tagen mal hin, nur um mir eine neue Unterbauleuchte zu besorgen. Als ich dann am Folgetag ganz routiniert das Licht überm Herd versuche anzuknipsen, werde ich prompt daran erinnert, dass das Teil ja den Geist aufgegeben hat und ich rege mich erneut auf. Weitere vierundzwanzig Stunden später, dasselbe traurige Spiel. Der dritte Tag … ich komm in die Küche, drücke auf den Lichtschalter, da fällt mir ein, achja kaputt, drehe mich um und mir geht ein Licht auf, dass verfluchte Ding hat un-fucking-believable Selbstheilungskräfte und leuchtet wieder. Verrückt!

Montag, 10. Februar 2014

Olympia in Sochi - Stolz und Vorurteil



Es ist kaum ein halbes Jahr her, da fand die Leichtathletikweltmeisterschaft 2013 in Moskau statt, der Hauptstadt des Landes, welches nun, seit letztem Wochenende, die Olympischen Winterspiele 2014 ausrichtet. Jetzt sind Olympische Spiele zweifelsohne noch eine Nummer größer und bedeutender als eine jährlich stattfindende WM, aber rechtfertigt dies auch, dass die Vorbehalte gegen den Ausrichter exponentiell größer sind als sechs Monate zuvor? Und wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen alles Schön- oder alles Schlecht-Reden? Propaganda bleibt Propaganda. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn im Vorfeld eines so gigantischen Events Reporter, Journalisten, Aktivisten etwas genauer hinschauen, Missstände aufdecken und diese dann auch hemmungslos kommunizieren. Aber diese einseitige Berichterstattung im Vorfeld der Spiele, in der mit aller Vehemenz, alles und jeder kritisiert und für unwürdig erklärt wird, ist am Thema vorbei, peinlich und abstoßend. Ja, es stimmt, es sind die mit Abstand teuersten Olympischen Winterspiele, teurer als alle bisherigen einundzwanzig Olympischen Winterspiele … zusammen! Aber das hat verschieden Ursachen: Korruption, Gigantismus um nur zwei zu nennen. Und ja, es wurde (ziemlich sicher) ohne Rücksicht auf Bevölkerung, Arbeiter, Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit ein riesiges neues Wintersportgebiet erschaffen – aus dem Nichts – in nur sieben Jahren. Das kann man kritisieren, sollte man mit gesundem Menschenverstand wohl sogar, doch aber bitte etwas differenzierter und mit beiden Beinen auf dem Boden und gänzlich ohne verlogene Doppelmoral und ohne dabei aus den Augen zu verlieren, worum es eigentlich geht, oder gehen sollte. Die Olympischen Spiele sind schließlich „nur“ eine Sportveranstaltung in deren Fokus die Athleten und der Wettkampf stehen. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch die Meinungsmacher in den folgenden sechszehn Tagen, während der insgesamt 98 Wettkämpfe, darauf besinnen und nicht den fatalen Fehler begehen und Sport und Politik miteinander vermengen.
Am meisten aber regt mich auf, dass permanent die Lage des Austragungsortes als absolutes No-go dargestellt wird. Klassischer Fall von scheinheiliger Halbwahrheit oder um es mit Pipi Langstrumpf zu sagen: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Sochi liegt in der Tat am Schwarzen Meer und im Sommer ist es dort auch schön warm. Blöder Weise ist es das im Winter dort aber nicht unbedingt. Beispiel folgt… Am Eröffnungstag der 22. Winterspiele lag die Tageshöchsttemperatur im subtropischen Sochi bei 7°C, das mag zwar für einen Wintersportort in der Tat zu warm sein, ist aber nur ein Grad mehr, als in Turin (Austragungsort 2006) und 3 Grad mehr als in Pyeongchang (Südkorea, 2018). Allerdings lag die Temperatur damit um 1 Grad unter der Höchsttemperatur in Salt Lake City (2002), 4 Grad unter der von Innsbruck (1964 und 1976) und sogar ganze 7 Grad unter dem Tageshöchstwert von München, der beinahe Kandidatenstadt für 2022, in der man heute durchaus auch im T-Shirt im Biergarten hätte sitzen können. Und die Tatsache, dass Sochi am Wasser gebaut ist, hat die Stadt am Rande des Kaukasus übrigens durchaus mit Oslo und Vancouver gemein. Da hat im Vorhinein auch niemanden gestört, dass Menschen eben dort im Sommer gelegentlich in kurzen Hosen herumlaufen können. Zu blöd, dass man dann bei der Ankunft im olympischen Skigebiet Krasnaja Poljana völlig unerwartet doch Schnee vorfand – wohlgemerkt echten Schnee – und es unvermeidlich ist, TV-Bilder mit winterlichem Anschein gen Heimat zu schicken. Das hält aber die Kommentatoren bisher trotzdem nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit sofort zu erwähnen, wenn die Temperaturen vor Ort die magische Null-Grad-Marke überschreiten.
Bleibt ja fast nur noch das meckern über nicht fertig gewordene Unterkünfte, Sportstätten, Blumenbeete. Als Sinnbild hierfür mussten die ersten Tage daher immer wieder die Selbe fragwürdig platzierte Heizung und eine Doppeltoilette ohne Trennwand herhalten. Jede abgerissene Gardine, jede lockere Schraube, jede zu wechselnde Glühbirne waren ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit der Ausrichter und wenn nicht gleich eine Eilmeldung, dann doch zumindest Hohn und Spott wert. Dann treffen irgendwann die ersten Sportler ein und sind völlig platt, dass ja doch alle Zimmer fertig sind und alles gar nicht so kacke ist, wie ihnen prophezeit wurde. Im Gegenteil, die Athleten finden es sogar ganz dufte in den drei olympischen Dörfern und sind froh über die kurzen Wege: „Wir können in drei bis fünf Minuten zu den Strecken zu Fuß laufen“. Das sämtliche Sportanlagen im Auge der Sportler dann auch noch ebenso modern, wie anspruchsvoll und in top Zustand sein sollen, erscheint einem dann schon fast unwirklich.
Naja, zum Glück gibt es immer noch den russischen Präsidenten, der – wider Erwarten – dann doch nicht gleich selbst das Olympische Feuer entfacht, aber für die westliche Welt als das personifizierte Böse immer noch gut genug ist. Dabei ringt er doch mit der Ausrichtung der größten Sportevents - Olympia, Leichtathletik- und Fußball-WM - lediglich um etwas Anerkennung in der Welt und versucht sein Volk wieder etwas stolzer zu machen. Ohne Zweifel, ist Putins politisches Handeln aus unserer Perspektive und unserem Verständnis heraus in vielen Fällen mehr als nur Hinterfragens wert, aber wie weiter oben schon gesagt, gehören Olympische Spiele und Weltpolitik nicht wirklich zusammen und daher kann ich mich nur der Meinung von Wladimir Kaminer zu 100 % anschließen: „Ich finde Kritik super! Das ist genau das, was Russland braucht. Was ich als falsch empfinde, sind die Boykotts. Wenn beispielsweise der deutsche Bundespräsident den Spielen den Rücken kehrt. Das ist eine sehr naive und kindische Haltung. Gerade in unserer Zeit, wo die Welt eine kleine Kugel geworden ist, wo alles mit allem verbunden ist, kann man ein so ein großes Land wie Russland doch nicht außer Acht lassen. Im Gegenteil: Da soll man hinfahren und soll meckern. Und man soll sich über unfertige Hotels beschweren. Übrigens haben Österreicher diese Hotels gebaut ...“ (tagesschau.de, 5.2.2014, Interview mit S. Stalinski, https://www.tagesschau.de/ausland/interview-kaminer100.html). 
Und ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sage, aber zur Eröffnungsfeier habe ich mir ehrlich gedacht: schade, dass Guido Westerwelle nicht mehr Außenminister ist, der hätte im offiziellen deutschen Olympia-Outfit auf der Ehrentribüne neben Wladimir Putin echt ein tolles Bild abgegeben.