Dienstag, 30. Juni 2015

The Tourists – der Hinflug



Das merkwürdige Verhalten erholungsbedürftiger Großstädter zur Urlaubszeit.

Alles beginnt am Flughafen, wo sich irgendein kluger Kopf von Air Berlin es für eine sensationelle Idee hielt, den Check-In für alle Passagiere am Montagmorgen in einer Reihe auszutesten. Was in der Theorie vielleicht nicht schlecht ist, aber in der Realität dummerweise am begrenzten Platzangebot des Flughafenterminals nach kurzer Zeit zum Scheitern verurteilt war. Ergebnis des Ganzen: zahlreiche Helferlein in Warnwesten schoben die Menschenschlange in der Halle von rechts nach links und zurück, um im schönen Wechsel, auch nur ansatzweise, Durchgangswege, Fluchtwege und Zugänge zu Toiletten, Cafés, Shops und den Abfluggates frei zu halten, während die zweite Abfertigungshalle mit gähnender Leere und einem Dutzend unbesetzter Schalter vor sich hin döste.

In der Warteschlange um mich herum Schweißausbrüche, Panikattacken und diverseste Flüche. Zugegeben, auch ich empfand die Situation jetzt nicht mega beglückend, aber Berlin und Flughäfen … naja man ist Kummer gewohnt. Als ich dann etwa eine halbe Stunde vor Abflug noch immer ohne Boardingpass, dafür mit Koffer in der Schlange stand, kam plötzlich der Warnwestenträger mit Tablet, von dem ich ein paar Minuten zuvor gefragt wurde, wann mein Flug geht, zu mir und ich durfte mich mit freundlicher Genehmigung vordrängeln. Die mir zufliegenden Hasstiraden quittierte ich mit einem süffisanten Lächeln. Da ich ganz offensichtlich noch nicht der letzte Passagier für meinen Urlaubsflieger war, bekam ich sogar noch einen Fensterplatz und konnte anschließend ohne unnütze Wartezeit schnurstracks durch Security-Check, Duty-Free-Shop bis auf meinen Sitzplatz im Flieger durchlaufen.

Und so ein Urlaubsflieger mit deutschen Touristen auf den Weg zum Strandurlaub ist … nennen wir es eindrucksvoll! Während die Dame neben mir eine Parfümwolke aus Brennspiritus, Weihnachtsduftkerze und Wunderbäumchen umgab und ich ehrlich froh war, dass an Board keine Feuerzeuge mehr erlaubt sind, hatte der Herr vor mir offensichtlich Maggi No. 5 aufgetragen um den zu befürchtenden Flugangstschweißgeruch zu überdecken. Ein eher entspannter Flieger schien hinter mir zu sitzen, denn noch während sich Kapitän Michael Schlotterbeck meldete, entledigte er sich seines Schuhwerks und untermalte das ohnehin schon brisante Gasgemisch mit einer feinen Limburger Note. Eigentlich der perfekte Moment für einen Praxistest der Sauerstoffmasken.
Als das Flugsicherheitsinformationsvideo abgespielt ist. Macht der Ober-Flugbegleiter seinen letzten Kontrollgang und muss, wie jedes Mal, warum auch immer, einige erneut darauf hinweisen, den Tisch hochzuklappen, die Rückenlehne gerade zu stellen und die Jalousie vom Fenster wieder zu öffnen, damit der Pilot beim Starten auch nach hinten rausschauen kann. 

Kaum ist der Flieger in der Luft springen die ersten auf und rennen auf die Toiletten. Parallel dazu werden Getränke und ein Snack vom Flugbegleitpersonal gereicht. Ich hatte noch, da ich in der drittletzten Reihe saß, die sensationelle Auswahl zwischen einer wabbeligen Laugenstange oder einem quietschsüßen Rosinenbrötchen ähnlicher Konsistenz. Ich bestellte zwei Getränke und entschied mich für die Laugenstange, die beim Verzehr im Mund mall locker zu zwei Laugenstangen wurde, mich aber so zumindest die erste Hälfte des Fluges gut beschäftigte. Der Rest war Lesen und Musik hören, doch während andere im Flugzeug ihren Sitznachbarn – und da diese offensichtlich immer schwerhörig sind, eigentlich dem halben Flugzeug – ihre gesamte Lebensgeschichte erzählen, sind Flugzeuge für mich eher so etwas wie Aufzüge: Da muss sich nicht unterhalten werden. Zum Glück hat das die Duftwolke, die dann unerwarteter Weise tatsächlich im selben Hotel urlaubte, ebenso gesehen und so lautete das vollständige Gesprächsprotokoll des knapp dreistündigen Flugs: „Hallo. Der Platz am Fenster ist meiner. – Schönen Urlaub!“

Am eindrucksvollsten sind aber immer noch die Szenen kurz nach der Landung. Nachdem der Pilot endlich die richtige Urlaubsinsel gefunden hatte – er hatte vermutlich die Cockpitfenster verschlossen, was auch seinen Wetterbericht (23°C und Gewitter erklärt) –, das Flugzeug geradeso mit den Hinterrädern die Landebahn berührt hatte und die Durchsage „bitte, noch sitzenbleiben“ ertönte, klickten die ersten Sicherheitsgurte und die ersten Ungeduldigen sprangen auf. Und ja, es gibt sie noch, die Landungsklatscher. Das würde ich mir übrigens auch mal wünschen, dass wenn ich meinen Job erledigt hab, alle Kunden in mein Büro kommen und applaudieren …
In der Sekunde, als das Flugzeug dann tatsächlich seine endgültige Parkposition erreicht hat, drängeln sich 90 Prozent der Passagiere in Richtung der Türen. Allen voran, eine Frau größeren Gewichts, deren Hauptproblem nun ist, ob auch am hinteren Ausgang die Airline-Schoko-Herzen verteilt werden und ob sie nicht gleich für ihre gesamte Sitzreihe die Süßigkeiten mitnehmen solle. Glücklicher Weise, gibt es auch hinten die roten Treueherzen, bei 26°C Außentemperatur und strahlend blauem Himmel, und sie muss nicht einmal komplett durch das ganze Flugzeug nach vorn stürmen um den schokoladenen Meilenbonus abzugreifen. Nachdem alle gehetzten im Flughafenbus auf mich und das Personal gewartet haben, geht’s zum Terminal, wo erneut die Hektiker zum Kofferband vorpreschen, um den besten Platz am selbigen, natürlich noch stillstehenden, zu ergattern.

Demnächst dann: Weiße Socken in Sandalen! Woran erkennt man den deutschen Touri? Und die Zerstörung des Urlaubseffekts in drei Schritten!

Freitag, 6. Februar 2015

Ich bin die Word-Datei

Ich muss gestehen, ich bin gescheitert! Auf ganzer Linie. Aber ich muss mir – beim besten Willen – wirklich nicht vorwerfen, ich hätte nicht alles versucht. Doch es wäre in diesem Fall viel zu einfach, den Grund meines Scheiterns bei anderen zu suchen. Und wenn ich sage: viel zu einfach, dann ist das die maximalste Untertreibung die mir einfällt.
Wir alle wissen ja, dass es irgendwo da draußen Menschen gibt von denen man behauptet sie seien dumm wie Brot. Solche Erscheinungen kann man zu Hauf im Vor- und Nachmittagsprogramm der privaten TV-Sender betrachten. Aber das ist Fernsehen, das ist nicht die Realität und man kann sich zumindest einreden, das wäre alles nur gespielt. Dennoch muss ich heute zu dem Schluss kommen, es gibt sie wirklich, Menschen bei denen jeder Versuch ihnen etwas beizubringen, begreiflich zu machen, Informationen zu vermitteln ins absolute Nichts läuft. Aber diese Gestalten können ja nix dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Deswegen ist eindeutig der Schuld, der nicht in der Lage ist ihnen dennoch etwas zu erklären. Ich gehöre seit heute dazu!
Und da ich nun ganz offiziell so jemanden kenne, stellen sich mir genau drei Fragen: 1.) wie, verdammt noch mal, im Arsch ist unser Bildungssystem, wenn so jemand es auch noch irgendwie zum Abitur geschafft hat? 2.) Merken diese Menschen eigentlich, dass sie in der Glockenkurve der Gaußschen Normalverteilung im ziemlich flachen Wasser schwimmen? Und 3.) Was macht man mit denen? Gedächtnis wie ein Sieb, nur die Löcher größer!
Meine Herausforderung besteht – nun schon seit einigen Wochen – darin, der Jugend der Welt nahezubringen, was ich beruflich so tue und was man alles so wissen könnte und idealerweise auch sollte, wenn man sich dazu entschieden hat einen iwmM-Beruf (irgendwas-mit-Medien) zu ergreifen. Ich muss zugeben, einem außenstehenden zu erklären, was ich beruflich genau mach‘, fällt auch mir nicht immer ganz leicht. Der Einfachheit halber muss ich das daher immer nur einem Menschenkind erklären, darf mir diese Aufgabe mit anderen Teilen und es steht dafür ein Zeitraum von drei bis vier Monaten zur Verfügung. Wie gesagt, dass ist für Neulinge wahrscheinlich nicht alles auf Anhieb leicht zu durchschauen, aber jetzt auch keine geheime Wissenschaft, die man nicht zumindest nach ein paar Wochen wenigstens grob überblicken kann. Vieles davon ist simples Abarbeiten von einfachen Handgriffen, für die es auch zahlreiche idiotensichere Anleitungen mit bunten Bildern und einfachen Texten gibt. Einzige Voraussetzung dafür, eine minimal größere Aufmerksamkeitsspanne als eine Fliege, die drei Mal in der Sekunde gegen eine Fensterscheibe fliegt und sich absolut nicht daran erinnern kann, woher sie die Kopfschmerzen hat.
Zudem bin ich ein durchaus geduldiger Mensch und als ich – recht frühzeitig – das geistige Potential der Anzulernenden erkannt hatte, war ich gern bereit auch die einfachsten Schritte zwei/drei/viermal zu zeigen und zu erklären, habe dieselben naiven Fragen mehrfach beantwortet und wollte die Hoffnung partout nicht aufgeben, dass die Erleuchtung irgendwann eintritt. Bei manchen fällt der Groschen halt Cent-weise. Immerhin suggerierte ein regelmäßiges, fiependes „mhh-mhh“ plus Kopfnicken während der Erklärungen, dass einzelne Schritte verstanden wurden. Wie sich herausstellte ein Irrglaube, denn das „mhh-mhh“ bedeutete nicht „aha“ oder „ja“ oder „verstehe“, sondern es hieß „ich bin noch hier und ich höre auch noch irgendwie zu, aber draußen scheint die Sonne und der Mauszeiger … hihi“. Also eher ein akustischer Totmann-Schalter, der alle paar Sekunden ertönt, damit man sicher gehen kann, dass nicht zwischenzeitlich in den Standby-Modus geschaltet wurde.
Da sich Erklären nicht wirklich als die perfekte Methodik herausgestellt hat um Informationen nachhaltig an das Stammhirn weiterzugeben, schließlich gibt es ja die unterschiedlichsten Lerntypen, startete ich einen neuen Versuch, Prinzip Problemlösung selbst erarbeiten. Relativ simple Aufgabe: Erstellen, Aufzeichnen eines Produktionsprozess-Ablaufplans. Auf gut deutsch: Malen Sie auf, welche Arbeitsschritte vom Anfang bis zum Ende durchzuführen sind. Fünf Wochen lang wurde gezeigt, erklärt, gezeigt, erklärt, gezeigt, erklärt, durfte selbst ausprobiert werden und wurde nochmal gezeigt und erklärt was nach und nach und warum getan wird. Als kleine Hilfe gab es einen bereits bestehenden Prozessplan (nicht mehr ganz 100%ig aktuelle, aber als Grundlage eigentlich schon fast zu viel des Guten), die Produktionsanleitung und die To-do-Liste.
Kennt ihr das, wenn man jemandem gegenübersteht, ihm etwas erzählt, er freundlich lächelt, aber man sich dabei selber unsicher wird, ob man nicht ausversehen plötzlich klingonisch spricht. So in etwa ist es mir ergangen als ich die Aufgabenstellung erläuterte. Als ich dann zum Ende sicherheitshalber nachfragte: „Aufgabe klar? Alles verstanden? Oder noch Fragen?“ und als Antwort erhielt: „Nö, alles gut!“, ließ ich mich, nach einem kurzen Stoßgebet, in meinen Bürostuhl sinken und hoffte das Beste. Gelegentlich schaute ich über meinen Monitor hinweg, um zu sehen, ob sich da etwas entwickelt, oder ob massive Fragezeichen im Raum schwebten. Als mich dann irgendwann das Gefühl beschlich, es stockt etwas … das Verhalten erinnert mich ein wenig an eine Katze, die wie hypnotisiert vor dem Aquarium sitz … wurde mir auf Nachfrage ein erster Ansatz des Prozessablaufplans vorgelegt, woraufhin es mir schwer fiel, die Contenance zu wahren und nicht loszuplärren: „Was soll’n die Scheiße?“. Tief durchatmen. „Also die Aufgabe war etwas anders gedacht.“ – in der Schule hätte es geheißen „Thema verfehlt“. Erklärungsversuch die Zweite: „Also am besten, sie  fangen am Anfang an und überlegen sich, wie das Endprodukt aussieht und anschließend ergänzen sie, welche Schritte von A bis Z notwendig sind. Ich zeig Ihnen das an einem Beispiel“.
„Okay“. – „Ist jetzt klar, was sie tun sollen?“ – Es kommt eine Nachfrage, die diese Frage klar mit nein beantwortet. In dem Moment erinnere ich mich, dass ich kürzlich drei Lehrbücher in der Hand hielt „Skikurs für Vorschulkinder“, „Skikurs für Grundschulkinder“, „Skikurs für Schulkinder“. Und glücklicher Weise hatte ich auch darin geblättert und hatte somit direkt einen neuen Lehransatz. Um das Niveau zu verdeutlichen, hier kurz die Beispiele, wie den Ski-kids das Kurvenfahren erklärt wurde: Vorschulkind: „Du bist ein Rennauto und fährst um die Fähnchen herum“; Grundschulkind: „Weißt du wie sich eine Schlange bewegt? Du fährst wie eine Schlange um die Stangen herum“; Schulkind: „Du fährst in einem gleichmäßigen Radius um die Torstangen herum“.
Ich wollte kein unnötiges Risiko eingehen und wählte die Vorschul-Variante. Ich erklärte die Aufgabenstellung also wie folgt: „Stellen Sie sich vor, Sie sind das Manuskript, die Word-Datei. Aus Ihnen soll ein Buch werden. Was passiert mit Ihnen, von dem Zeitpunkt wo Sie in den Verlag kommen, bis Sie ein Buch sind?“.
Eine Stunde später, nachdem ich noch erfahren durfte, dass sich diese Woche (es war Donnerstag) aber mächtig zieht, war der Akku offensichtlich leer und die Erstellung des Ablaufplans wurde eigenständig auf den nächsten Tag verlegt. Ich schaute etwas verwundert, als ich nach einer kurzen Besprechung wieder in mein nun verwaistes Büro zurückkam. Aber ich wollte doch zumindest noch wissen, wie weit die Aufgabe vorangeschritten war und warf einen Blick auf den Schreibblock – eine fast leere Seite starrte mich an. Ich blätterte vor und zurück. Nichts weiter aus der fast leeren Seite. Ganz oben Stand nur ein Satz: „Ich bin die Word-Datei“.

Donnerstag, 6. November 2014

Ein Buch und sein Gefolge



Es ist jetzt ziemlich genau drei Jahre her, als ich mich im Welterkundungsmodus auf die weite Reise nach Nepal machte. Ich musste einfach mal weg aus Deutschland, raus aus Berlin, den Kopf frei pusten lassen, etwas Neues entdecken, wollte eine mir fremde Kultur erleben und die beeindruckende Natur genießen.  Und was soll ich sagen? Das hat bestens funktioniert. Noch heute könnte ich jedem, mit einem Lächeln im Gesicht und dem berühmten Funkeln in den Augen, von dieser Reise und den Erlebnissen vorschwärmen.  Doch als ich von Frankfurt aus in Richtung Osten flog, konnte ich nicht im Entferntesten ahnen, in welchem viel größeren Zusammenhang diese Reise stehen würde und dass Kapitel Eins dieser Story bereits geraume Zeit vorher geschrieben war.
Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, ich hatte die Reise bereits ein halbes Jahr zuvor gebucht und bekam irgendwann, im Laufe des Sommers, eine Infobroschüre des Reiseveranstalters, in der auch der Name des Reiseleiters notiert war. Und, selbst wenn ich behaupten würde kein allzu gutes Namensgedächtnis zu haben, bildete ich mir ein, den Name des Reiseleiters irgendwo schon mal gelesen, gesehen, gehört zu haben. Allerdings waren mir in meinem Leben bis dahin noch nicht wirklich viele Nepalesen über den Weg gelaufen, oder kannte ich gar welche persönlich. Dennoch grübelte ich eine ganze Weile lang nach, woher mir dieser Name bloß bekannt vor kam. Erfolglos. Die Reise begann und die Namensfrage hatte ich vollständig verdrängt. Und im Rückblick muss ich auch zugeben, selbst das erste Treffen mit Jaya, so hieß unser Reiseleiter, hatte mich des Rätsels Lösung nicht einen Millimeter näher gebracht. Überwältigt von den unglaublich vielen neuen Impressionen und vermutlich auch dem Stress der langen Reise geschuldet, kam die Frage „Woher kenn ich diesen Namen?“ auch bei der Vorstellung nicht wieder auf. So vergingen die ersten Tage beim Sightseeing in der Hauptstadt Kathmandu und beim Trekking durch den Himalaya, ohne zu ahnen, dass ich mich bereits Mitten im zweiten Kapitel dieser Story befand.
Doch eines Abends, nach einer wieder einmal eindrucksvollen, langen Wandertour durch das Tal des Kali Gandaki Fluss, im Schatten der zwei Achttausendergipfel von Annapurna und Dhaulagiri, saß die Gruppe erschöpft, aber zufrieden zusammen in der Lodge. Frisch gestärkt nach dem Abendessen, plauderte man über das Erlebte, andere lasen und erholten sich dabei, im wohlig kaminwarmen Gemeinschaftsraum, bei Tee und ab und an einem Bier, von den Strapazen des Tages. Die im Raum schwebende Müdigkeit tauchte selbigen in stetig zunehmende Gemütlichkeit und Ruhe, bis plötzlich eine Frau aus der Wandergruppe ihr Buch auf den Tisch legt. Göttin auf Zeit, von Gerhard Haase-Hindenberg beschreibt das Schicksal eines Mädchens, das als Teil des Hinduismus, als Kumari, als Göttin verehrt, aber abgeschnitten von der Außenwelt, in einer Tempelanlage in Kathmandu verbringt. Bis zu dem Tag, an dem mit ihrer Kindheit auch ihre göttliche Existenz endet und sie vollkommen unvorbereitet, in ein ihr völlig fremdes Leben geworfen wird. Zufälliger Weise saß die Buchbesitzerin direkt neben Jaya – ich registrierte alles nur im Augenwinkel – der augenblicklich große, vor Stolz strahlende Augen bekam  und mit kräftiger Stimme in die Runde rief: „Ich habe an dem Buch mitgeschrieben!“. Alle anderen Gespräche verstummten umgehend und die Aufmerksamkeit wandte sich in die hintere rechte Ecke des Raumes, wo die beiden saßen. Auch ich drehte mich in deren Richtung und sah Jaya, mit dem Buch in beiden Händen, dieses stolz wie Oskar in die Runde zeigend. Und ich traute meinen Augen nicht und ohne groß etwas zu denken, entfuhr mir: „Und ich habe das Buch gemacht!“ Von jetzt auf gleich war also wieder Leben in der Bude und Jaya und ich erzählten jeweils unseren Teil der Geschichte. Während Jaya als Übersetzer und Interviewer maßgeblich inhaltlichen Anteil an dem Buch hatte, konnte ich berichten, wie ich als Praktikant in der Herstellung eines Münchner Belletristik Verlags die Umsetzung, Gestaltung und Produktion des Buches betreut hatte. „Die Welt ist ein Dorf!“ war schon bald aus dem Off der Gruppe zu hören. Und just in diesem Moment fiel mir natürlich auch wieder ein, woher ich den Namen unseres Reiseleiters kannte. Dieser Stand im Vorwort des Buches unter einem Zitat geschrieben Jaya Krishna Nhuchhe Pradhan. Daraufhin gönnten wir uns ein gemeinsames Everest-Bier und einen Reisschnaps.
Zwischen Kapitel Eins und Zwei lagen etwa viereinhalb Jahre. Ich befand mich damals Mitten im Studium und sammelte erste berufliche Erfahrungen in der Verlagswelt. Und wie bereits erwähnt, hatte es mich damals für ein halbes Jahr nach München verschlagen. Dort durfte ich an Büchern von Stephen King, Dieter Hildebrandt, Nora Roberts, Stieg Larsson, Dean Koontz, Harry Rowohlt, Richard Laymon und John Grisham mitwirken, einige davon sogar selbst gestalten. Darunter eben auch die Göttin auf Zeit von Gerhard Haase-Hindenberg. Einige „meiner“ Bücher durfte ich damals als Trophäen mit nach Hause nehmen und so füllen diese bis heute zahlreich meine Regale. Zugegeben: Die Göttin auf Zeit stand bis zu meiner Nepalreise ungelesen und vergessen im Regal herum. Doch nach der Rückkehr wurde das Buch natürlich zur Pflichtlektüre. Anschließend verschwand es wieder im Bücherregal und geriet, ebenso wie der Name des Autors, im Laufe der Zeit immer weiter in Vergessenheit. Mit Jaya hingegen hielt ich – wenn auch nur sporadisch über Facebook und E-Mail –über die Jahre hinweg den Kontakt ans andere Ende der Welt.
Doch vor ein paar Monaten erhielt ich eine E-Mail aus Nepal, die über den üblichen Smalltalk – Wie geht’s? Was gibt es Neues? Viele Grüße – hinaus, mit einer echten Überraschung aufwartete. Jaya hat die Chance erhalten, für einen Deutschkurs nach Deutschland, nach Berlin zu kommen und er wollte sogar seine Familie mitbringen. Die Frage, ob er mit seiner Familie vielleicht eine Nacht bei mir verbringen dürfte und ich ihnen einen Tag lang die Stadt zeigen würde, konnte ich natürlich nicht ablehnen. Ich holte die vierköpfige Familie also am Bahnhof ab, quartierte sie bei mir ein und spielte am nächsten Tag Stadtführer. Ku’Damm, Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Reichstagsgebäude, Alex, Bootstour, 100er Bus und Currywurst, mehr war an einem Tag nicht zu schaffen. Als wir dann wieder bei mir angekommen waren, stellte ich die Frage, wo sie denn die nächsten Tage übernachten würden. „Bei einem Freund, bei Hase“ lautete die Antwort und das nahm ich so erst mal zur Kenntnis. Jaya kramte in seinem Notizbüchlein, suchte die Telefonnummer heraus und versuchte jemanden zu erreichen. Erfolglos. Mein Gedanken drehten sich vor allem darum: „Hoffentlich müssen wir jetzt nicht noch mit den vier schweren Koffern einmal quer durch die ganze Stadt“; „Vielleicht kann der Freund sie sogar mit dem Auto abholen“. Jaya versuchte ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal seinen Freund anzurufen. Aber alles was zu hören war, war eine Bandansage. Ich schnappte also mein Telefon und bot an es mal mit dem einheimischen Netz zu versuchen. Jaya schob mir sein Notizbüchlein rüber, tippte mit dem Finger auf die Telefonnummer und meinte: „Haase, das ist der Autor von Göttin auf Zeit“. Ich schaute zu ihm rüber und erinnerte ihn, dass ich an dem Buch ja auch nicht ganz unbeteiligt war, woraufhin ihm auch gleich die Geschichte aus Nepal wieder einfiel. Ich tippte die Nummer von Gerhard Haase-Hindenberg in mein Telefon und sollte in wenigen Augenblicken, nach etwa sieben oder acht Jahren, aus heiterem Himmel mit dem Autor telefonieren, dessen Buch ich vor eben dieser Zeit zum Buch habe werden lassen. Verrückt! Und wie zum Beweis, dass nicht nur die ganze Welt, sondern auch Berlin, ein einziges Dorf ist, stellte sich heraus, dass Haase-Hindenberg zu allem Überfluss nur eine S-Bahn-Station entfernt wohnt. Also alles eingepackt, die Koffer, die Kids und die ganze Familie geschnappt, ab zur S-Bahn und wenige Minuten später standen sich plötzlich Autor, Übersetzer und Hersteller am Bahnsteig vereint gegenüber.  Nach einer herzlichen Begrüßung, verriet Jaya Haase was wir denn gemeinsam hätten und so konnte ich die ganze Geschichte ausführlich erzählen. Gerhard staunte natürlich auch nicht schlecht und erzählte wenig später von seinem aktuellen Buch „Sex im Kopf“, seinem bevorstehenden Besuch bei Markus Lanz und der Verfilmung seines Buches „Der Mann der die Mauer öffnete“ der, aus gegebenem Anlass, unter dem Titel „Bornholmer Straße“, gerade im Fernsehen lief. Am Ende standen wir alle zusammen in dem Zimmer, in dem unsere gemeinsame Geschichte begann. In der Mitte von uns der Schreibtisch, an dem die „Göttin auf Zeit“ geschrieben wurde.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Lost in Train Station II



Das Wochenende verlief extrem entspannt. Wir genossen das spätsommerliche Wetter, ließen es uns in Cafés, Biergärten, Restaurants und Bars gut gehen, erkundeten die verschiedensten Sehenswürdigkeiten, schipperten über den Neckar, sahen Anderen dabei zu, wie sie schwitzend-schnaufend den Königstuhl hochrannten, während wir die gemütliche Tourivariante mit der historischen Drahtseilbahn bevorzugten und uns, nach dieser wahnsinnigen Anstrengung, erst einmal mit einem kühlen Getränk erfrischen mussten, um die Aussicht entsprechend würdigen zu können. Zwei Tage ohne Hektik und Stress. Ein Hauch von Urlaubsgefühl stellte sich ein und bis etwa Sonntag 15 Uhr genossen wir das Leben in vollen Zügen … ach nee, Moment, der Teil mit den vollen Zügen sollte ja erst noch kommen.
Mit der Entspannung war es am frühen Sonntagnachmittag dann aber vorbei, als mir plötzlich bewusst wurde, dass der Montag immer näher rückte und es bis zurück nach Berlin, wohl oder übel noch ein Weilchen dauern würde. Eine passende Zugverbindung zum Flughafen hatte ich mir vorab bereits rausgesucht und so packte ich, trotz allem gut gelaunt, meinen Koffer. Bevor ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte, wollte ich – eigentlich nur pro forma und nichts Böses ahnend – eben kurz meine Zugverbindung von Heidelberg nach Frankfurt Main Flughafen Fernbahnhof prüfen. Beim Anblick des rot leuchtenden Warnsignaldreiecks verschob sich meine rechte Augenbraue spontan Richtung Haaransatz, die Augen drehten ein, zwei Loopings und die gesunde Gesichtsfarbe wich einem dezenten aschgrau. Dank der Tatsache, dass – wie ich bei genauerem Hinsehen feststellen konnte – trotz Signalstörung nur circa zehn Minuten – kein Problem – Verspätung angedroht wurden, ließ, in Kombination mit leicht aufsteigendem Bahn-Hass, wieder etwas Farbe, wenn auch mit erhöhtem Rotanteil, in mein Gesicht zurück kehren und ich machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Schnell noch ein Zugticket gekauft und ab in die Regionalbahn nach Mannheim. Pünktlich! Dort angekommen, wechselte ich rasch auf den benachbarten Bahnsteig und stand plötzlich in einer übellaunigen Menschenansammlung, die die Stuttgart-21-Demonstrationen rückwirkend als geselliges Volksfest erscheinen ließen. Ein kurzer Blick auf die Anzeigetafel erklärte das wilde Treiben: „circa. 25 Minuten Verspätung“. Ich schaute auf meine Uhr, rechnete kurz nach und konnte beruhigt konstatieren, dass mir in Frankfurt trotzallem noch eine gute halbe Stunde Luft bis zum Gate blieb. Recht knapp, aber wird schon passen. In diesem Moment fiel mir auf, dass auf dem Nachbargleis ein Intercity mit Halt in Frankfurt Hauptbahnhof stand und wohl alsbald abfahren würde. Ich fand recht zügig ein Mitglied des örtlichen Servicepersonals und konfrontierte ihn mit der Frage, wann denn dieser Zug in der Bankenmetropole ankommen würde. Antwort: „Gegen 17.30 Uhr.“ Ich schaute etwas verdutzt, denn für die Strecke Mannheim Frankfurt werden normaler Weise gut dreißig und nicht über sechzig Minuten benötigt. Kurz überlegt und ermittelt wie lange die S-Bahnfahrt vom Hauptbahnhof zum Flughafen dauert und entschieden, dass es tatsächlich keinen Vorteil bringen würde – theoretisch. Ich kam dann zufällig mit dem einzig wirklich unbeeindruckten am Bahnsteig stehenden Typen ins Gespräch. Er wollte auch zum Flughafen, um von dort weiter nach Peking zu reisen, geschäftlich. Er hatte gerade die Information erhalten, dass sein Flug gut fünfeinhalb Stunden Verspätung haben würde, was seine der eigentlichen Situation völlig unangemessene Gelassenheit erklärte. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, ebenfalls über die Unzumutbarkeit der Zustände bei der Bahn im Allgemeinen und im Speziellen zu wettern. Auf dem Gleis direkt vor uns fuhr eine Regionalbahn ein und stiftete kurz zusätzliche Verwirrung. Wir unterhielten uns ein wenig, ich schilderte ihm meine zunehmende Zeitnot und erhielt dafür beruhigenden Zuspruch. Als wir plötzlich von einer Schülerin, leicht außer Atem, angesprochen und gefragt wurden, ob den die Regionalbahn schon durch sei. Wir schauten uns an und mussten ihr leider mitteilen, dass diese offensichtlich vor wenigen Augenblicken abgefahren sein musste, denn der Zug stand nicht mehr vor uns. Sie stampfte fluchend auf und stöhnte: „Ist das Drecksding schon wieder zu früh abgefahren!“. Ich vermute spontan, die Bahn versucht mit diesem Trick ihre Statistik aufzubessern: 25 Minuten zu spät, plus 3 Minuten zu früh, sind schon nur noch 22 Minuten Verspätung, oder ein Zug zu spät, einer zu früh, bedeutet im Mittelwert alle pünktlich. Die Schülerin zischt davon und wir warten weiter auf den ICE. Die prognostizierte Verspätung ist fast rum, als die Durchsage ertönt, der ICE würde gleich einfahren. Kurz darauf folgt die nächste Ansage: „Der ICE nach Dortmund verkehrt heute nur mit einem Zugteil in den Abschnitten A bis C“. Kluge Entscheidung, Sonntagnachmittag sind, vor allem nach einem langen Wochenende, im Verhältnis zu sonst auch eher weniger Passagier zu erwarten. Auf diese Information hin bewegt sich die versammelte Menschenmasse in Richtung der Abschnitte A bis C und komprimiert sich ebenda. Der ICE fährt ein, ein Blick auf die Uhr, auf ein paar Minuten kommt es nun auch nicht mehr an, und mit Mühe und Not quetschen sich die wenigen Aussteige Willigen durch die wartende Menge aus dem schon mehr als gut gefüllten Zug. Die letzten kollidieren schon unausweichlich mit den Sitzplatzjagenden Einsteigern. Schon mal gesehen, was passiert, wenn man etwas Futter in ein Becken voller hungriger Piranhas wirft? So ungefähr ging es in etwa zu diesem Zeitpunkt auf dem Mannheimer Hauptbahnhof zu. Als sich dann endlich alle in den Zug gedrängt hatten, ich konnte einen Stehplatz direkt zwischen Gepäckverstauraum und Türbereich ergattern – so käme ich an der nächsten Station wenigsten wieder recht schnell aus dem ICE raus – tauchte ein Zugbegleiterin mit dem charmant-freundlichen Gesichtsausdruck einer Abrissbirne vor der Tür auf und plärrte: „Sie könn‘ direkt wieder aussteigen, der Zug fährt SO!!! nicht los. Könn‘ se vergessen!!!“. Sämtliche Zuginsassen – selten passte die Beschreibung besser – schauten sich an, blickten mit dem unmissverständlichen Gesichtsausdruck „WIR steigen HIER nicht aus! Kannst DU voll vergessen!“ Richtung Uniformtante. Diese wiederholte Ihre liebevolle Ansage, überraschender Weise ohne spürbaren Effekt. Interessanter Weise habe nicht nur ich, sondern auch zahlreiche andere Passagiere, schon vollere Züge fahrend erlebt. Ein älterer Herr steht mir gegenüber und meint, dass der selbe Zug jeden Morgen und jeden Abend mit deutlich mehr Pendlern gefüllt ist, als gerade jetzt. Schließlich besteht immer noch die Möglichkeit, sich durch die Gänge zu quetschen und auch übermäßiger Körperkontakt ist noch gut zu vermeiden. Die Stimmung im Zug selbst ist noch relativ gelassen – der geballte Hass kanalisiert sich auf die Bahn an sich und die Zugbegleiterin im Speziellen. Sogar ich bleibe, wenn auch mit nervöser werdendem Blick auf meine Uhr und einer Mischung aus Schicksalsergebenheit und Zweckoptimismus, unverhältnismäßig entspannt. Der ICE steht nun schon etwa zehn weitere Minuten regungslos im Bahnhof, draußen ertönen im unablässigen Wechsel die verschiedensten Verspätungsansagen über sämtliche Gleise, als sich der Lokführer zu Wort meldet und mitteilt: „Wir fahren so nicht weiter! Wer jetzt aussteigt und den nächsten Zug nimmt, bekommt einen fünfundzwanzig Euro Gutschein von der Bahn.“ (Das lass ich erst mal unkommentiert!) Im Zug hingegen brach schallendes Gelächter aus. Lediglich eine vierköpfige Damenreisegruppe begann kurzzeitig darüber zu debattieren, ob sie auf dieses unmoralische Angebot eingehen sollte. Schließlich waren von der Stunde, die der nächste ICE Richtung Ruhrpott später kommen sollte, bereits drei Viertel vergangen. Ich suchte über mein Telefon in der Zwischenzeit alternative Möglichkeiten noch am selben Tag von Mannheim bis nach Berlin zu gelangen, denn die Hoffnung, meinen Flug noch zu erreichen, war derweil nahezu gänzlich verschwunden. Die Stimme des Lokführers erklang erneut und wiederholte die Gutschein-Ansage. Etwa eine Hand voll Fahrgäste stieg entnervt aus, wodurch auch die Damen aus dem Pott wieder das Überlegen anfingen und nach einigem Hin und Her ebenfalls den Zug verließen. Als die ersten zwei wieder festen Boden unter den Füßen hatten, erklang am Bahnsteig das liebliche Ding-Dong „Der nachfolgende ICE nach Dortmund, heute voraussichtlich eine Stunde später!“ und – schneller als man gucken konnte – standen alle vier, in einer Hand den Koffer, die andere wild gegen die Stirn tippend, wieder im Zug.
Ich schaute auf meine Uhr: noch knapp fünfzig Minuten bis zum Abflug, davon noch dreißig Minuten offiziell Fahrtzeit. Ich resignierte. Griff nach meinem Koffer, ging zur Tür, verabschiedete mich bei den Umstehenden mit einem Lächeln, wünschte viel Erfolg bei der Weiterreise, verfluchte die Deutsche Bahn, setzte den ersten Fuß auf den Bahnsteig, drehte mich direkt wieder um, begrüßte die plötzlich freudig erregten Gesichter und nahm exakt die Position von vor fünfzehn Sekunden wieder ein. Was war passiert? Ich hatte den Zug noch gar nicht komplett verlassen, als exakt in diesem Moment durch die Lautsprecheranlage, die „nun doch“ Abfahrt des Zuges angekündigt wurde. Leichter Beifall brandete auf. Die Türen schlossen sich und der Zug setzte sich tatsächlich in Bewegung. Die Ansage des Zugkapitäns annoncierte eine Ankunft am Frankfurter Flughafen gut zwanzig Minuten vor Abflug. Ich schnappte mein Telefon, wählte die Servicenummer der Lufthansa und landete erstaunlich schnell bei einer menschlichen Stimme. Ich schilderte ihr meine aktuelle Situation und bekam die Anweisung, mich bei der Ankunft direkt am erst besten Lufthansa-Schalter zu melden, damit von dort die Info ans Gate weitergegeben werden könnte. Ein Hauch von Zuversicht kam zurück. Dennoch fragte ich spontan nach, was denn wäre, wenn ich „wider Erwarten“ den Flug nicht mehr bekäme und was mich ein neues Ticket kosten würde. Ich hatte nun also ein halbe Stunde Zeit, um abzuwägen, ob ich lieber für 300 Euro, dafür aber mit nur einer Stunde Verspätung, oder aber für 150 Euro, mit der Bahn und im Idealfall mit fünf Stunden Verspätung, irgendwann nach Mitternacht, zu Hause ankommen wollte. Die Entscheidung war, anhand des bereits erlebten Zustandes bei der Bahn und dem nicht geringen Risiko womöglich in Wolfsburg oder Hannover über Nacht zu stranden, relativ schnell getroffen. Aber noch lebte ja die Hoffnung. Zumindest bis ins Örtchen Biblis. Wieso ich das so genau sagen kann? Dort legte der ICE einen extra einen Stopp ein, damit auch jeder das Schild am Bahnsteig in aller Ruhe lesen konnte. Überflüssig zu erwähnen, dass eine Information vom Zugpersonal aus blieb. Die Zeit verrann. Nach und nach erzählte jeder der umstehenden Leidensgenossen seine tagesaktuelle Reisegeschichte: Wo kam man her? Wo wollte man noch hin? Köln, Kanaren, Madagaskar? Und wie viel Zeit bleibt noch bis zum Abflug oder zum nächsten Zuganschluss.
Als keiner mehr ernsthaft damit rechnete, fuhr der Zug doch noch im Frankfurter Flughafenbahnhof ein – mit genau 61 Minuten Verspätung und neun Minuten vorm Abflug. Ich schnappte, zugegeben wenig hoffnungsvoll, meinen Koffer und rannte los – vielleicht hat ja der Flieger auch etwas Zeitrückstand. Wer den Frankfurter Airport kennt, weiß, da ist immer einiges an Wegstrecke zurückzulegen. Und dennoch stand ich nach ziemlich exakt drei Minuten, mit knalle rotem Kopf und dem vermutlich freundlichen Gesichtsausdruck eines Bulldozers, am erst besten Lufthansa Check-In-Schalter. Der Flug war natürlich schon geschlossen und mir blieb nichts anderes übrig, als mich meinem Schicksal zu fügen und mich nach der nächsten Heimreisemöglichkeit zu erkunden. Köfferchen geschnappt, die Rolltreppe wieder nach oben und am Lufthansa-Ticket-Schalter für die kleine Kleinigkeit von fast dreihundert Euro ein Ticket für den nächsten, beziehungsweise übernächsten Berlinflieger zu erstehen. Ich hatte nun also wieder etwas Zeit und beschloss, meine besonders gute Laune noch eben schnell mit dem immer freundlichen und hilfsbereiten Personal am Service-Point der Bahn zu teilen. Ich lief also zurück zum Bahnterminal und erklärte dem armen Kerl hinter dem Schalter, in ruhigen und sachlichen Worten, wie zufrieden ich mit der Dienstleistung der Bahn wäre, bis dieser auf Streichholzschachtelgröße zusammengefaltet war und Tränen in den Augen hatte. Ich griff mir eines der Beschwerdeformulare, ließ mir die Verspätung quittieren und machte mich grußlos zurück auf den Weg Richtung Check-In. Von da an lief alles relativ reibungslos. Ich war, trotz einer viertel Stunde Verspätung – who cares? – am Ende ziemlich genau eine Stunde später und dreihundert Tacken ärmer endlich in Berlin angekommen und heilfroh, nicht auf die absolut verrückte Idee gekommen zu sein, von Frankfurt mit dem Zug weiter nach Berlin zu fahren. Ich wäre vermutlich heute noch nicht wieder zu Hause. Bleibt die spannende Frage, welche Antwort werde ich von der Bahn auf mein Beschwerdeschreiben und die Geldrückforderung erhalten …